Der Satz trifft Eltern wie ein Nadelstich: „Bei Oma darf ich aber viel mehr!“ Die meisten Eltern kennen die Szene. Und wer Großeltern hat, kennt das Dilemma: Kaum sind die Kleinen ein paar Stunden bei den eigenen Eltern geparkt, kommen sie zuckergesteuert, grenzengetestet und völlig aus dem gewohnten Rhythmus gebracht zurück.
Pädagogik-Urgestein Jan-Uwe Rogge winkt in seinem neuen Buch gewohnt gelassen ab und gibt allen gestressten Müttern und Vätern die erlösende Entwarnung, dass genau so alles seine Richtigkeit hat. Der Autor bricht eine Lanze für die magische Dynamik zwischen Enkeln und Großeltern. Kinder sind Schlitzohren und lernen blitzschnell, dass zu Hause andere Regeln gelten als bei den Großeltern. Diese Vielfalt verunsichert sie aber nicht, sondern erweitert ihren Horizont. Großeltern erziehen nicht besser, sondern anders. Die Gelassenheit der Älteren lebt von der beruhigenden Erkenntnis, dass sie nicht mehr die Hauptverantwortung tragen müssen. Sie haben Zeit, hören ohne Besserwisserei zu und bieten einen echten Schutzraum. Bei der Erziehung müssen eben nicht alle zwingend an einem Strang ziehen – die Vielfalt macht die Erfahrungen reicher. Wer den Kindern bei den Großeltern noch eine Liste mit Anweisungen mitgibt, nimmt allen Beteiligten den Spaß. Und wenn Oma ausplaudert, dass Papa in der Schule auch eine faule Socke war, nimmt das Leistungsdruck aus dem Familiensystem. Nah am Alltag, humorvoll und erfrischend ungekünstelt, ist der Ton frei von trockenem Soziologen-Jargon. Echte Dialoge und O-Töne aus dem Leben, vom wütenden 4-Jährigen mit gepacktem Rucksack bis zur insgeheim neidischen Mutter, holen die Leser:innen ab. Wer tiefschürfende, wissenschaftliche Studien oder stramme Erziehungs-Ratgeber mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen sucht, dürfte das Buch als zu heiter empfinden; der Autor will nicht belehren, sondern beruhigen.
Eltern, die sich regelmäßig darüber ärgern, dass Oma und Opa alle mühsam erarbeiteten Grenzen mit Süßigkeiten und Nachsicht einreißen, dürfen sich also entspannen. Der beste Rat an genervte Eltern lautet, Großeltern und Kind gewähren zu lassen und sich stattdessen einen schönen Abend zu zweit zu machen.
150 Seiten, 18 Euro, ab 24. September 2026 im Handel.