Kampfsport, das ist Wettkampf, Kräftemessen, perfekte Technik. Aber nicht nur. Im Kindertraining geht es in erster Linie um ganz andere Dinge:
Losgelöst von der Technik wollen wir den Kindern beibringen, sich an Regeln zu halten, aufeinander zu achten,
erklärt Swen Körner, Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln und Leiter der Abteilung für Trainingspädagogik und Martial Research. Für den Sportpädagogen steht der Spaß an erster Stelle. „Kinder messen sich gern, versuchen, eine Situation für sich zu nutzen und stärker zu sein, als andere“, erklärt er. Körner war Mitglied der Nationalmannschaft im Vollkontakt-Taekwondo und praktiziert diverse Kampf- und Selbstverteidigungsstile.
Kampfsport ist in Deutschland extrem beliebt – über 600.000 Kampfsportler:innen sind im Olympischen Sportbund organisiert, die Hälfte davon ist unter 18 Jahre alt. „Wir haben im Kampfsport eine enorme Vielfalt, es gibt mehrere hundert Arten“, sagt der Sportprofessor. Letztendlich gehe es bei allen natürlich ums Kämpfen. Aber zuerst gilt es, den eigenen Körper kennenzulernen, sich selbst besser einzuschätzen und respektvoll mit anderen umzugehen. Körner unterrichtet an der Sporthochschule u.a. „Ringen und Kämpfen“, das Teil der Lehramtsausbildung ist. „Wir möchten mit der Ausbildung Lehramtsstudierende in die Lage versetzen, die pädagogischen Potenziale des Kämpfens auch in der Schule unterrichten zu können“, sagt er. „Kinder setzen sich gern körperlich auseinander, sie raufen gern. Kämpferische Spiel- und Übungsformen holen sie bei einem Bedürfnis ab.“
Auspowern mit Köpfchen
Motorisch gesehen ist jedes sportliche Training ein Booster für die Entwicklung. Was ist das Besondere am Kämpfen, dass es sogar im Schulsport vorgesehen ist? Laut Körner hat Kampfsport verschiedene Aspekte: Er verbessert die koordinativen Fähigkeiten, das Gleichgewicht, die Beweglichkeit. Die Muskeln werden kräftiger, die Reaktion wird schneller – und Erfolge stellen sich für Kinder schon nach wenigen Trainingseinheiten ein. Mindestens genauso wichtig wie die körperliche Entwicklung ist das, was im Kopf passiert. Das Training fordert Konzentration, Geduld und Ausdauer. Kinder entwickeln sich persönlich weiter. Sie erfahren Selbstwirksamkeit. Das stärkt ein gutes Selbstkonzept – also das Bild, das sie von sich selbst haben.
Respekt lernen, Grenzen wahren
Und dann ist da noch das Zwischenmenschliche, der soziale Aspekt. Kampftraining ist kein Teamsport, aber hinter jeder gelungenen Technik stecken Vertrauen, Respekt und Teamarbeit – vor allem das Zusammenspiel von Trainer:in und Schüler:in. Die Rollen sind klar definiert, Kinder lernen, aufmerksam zuzuhören, Bewegungsabläufe Schritt für Schritt umzusetzen, zu üben und dranzubleiben, auch wenn etwas nicht sofort klappt. Rituale drücken Höflichkeit und Disziplin aus, zum Beispiel das Verbeugen vor und nach den Partnerübungen. Und es gibt klare Regeln: Wir kämpfen, aber wir passen aufeinander auf, wir wissen immer, wo die Grenze ist. „Darin unterscheidet sich der Kampfsport ganz wesentlich von anderen Sportarten wie Schwimmen oder Handball“, sagt Körner.
Wie sieht es mit Verletzungen aus? „Jeder Kontaktsport birgt Verletzungsrisiko, aber im Kinderbereich steht die Freude am Kampf im Vordergrund“, so Körner. Natürlich lernen Kinder auch Techniken zur Selbstverteidigung. Das Ziel ist jedoch nicht, das eigene Ego durchzusetzen oder andere zu besiegen. Im Gegenteil: Gute Trainer vermitteln, dass die beste Auseinandersetzung die ist, die gar nicht erst entsteht. Kinder lernen, Konflikte früh zu erkennen, Grenzen klar zu setzen und möglichst deeskalierend zu handeln. Deshalb gilt Kampfsport auch als wirksame Form der Gewaltprävention.
Für Schüchterne und Selbstbewusste
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Kampfsport
Ob zurückhaltend oder selbstbewusst – Kampfkunst ist für jedes Kinder geeignet. „Wenn die Kinder didaktisch gut angeleitet werden“, schränkt der Kampfsportexperte ein. Ängstliche oder verunsicherte Kinder profitieren vom Training, das Zutrauen schafft. „Viele gewinnen mit der Zeit mehr Sicherheit, sich durchzusetzen, auf andere zuzugehen“, sagt Körner. Ein großes Thema ist Körperkontakt. „Wir fangen nicht direkt mit Packen, Werfen und Ziehen an“, erklärt er. Dafür gibt es heranführenden Übungen: Alle bewegen sich frei durch den Raum, begrüßen sich: Fuß an Fuß, Hand an Hand, Ellenbogen an Ellenbogen. „Man kann auch Polster als Puffer einsetzen“, so der Sportprofessor. So schafft das Training behutsame erste Kontakte. In jedem Training muss es eine Exit-Option geben. „Ein Kind kann jederzeit aussteigen, wenn es ihm zu viel wird. Alles geschieht freiwillig, das ist wichtig“, so Körner. Das Signal „ich steige aus“ kann auch ein geheimes vereinbartes Zeichen sein.
Pädagogisch reflektiert
Obwohl Kampfsport kein Mannschaftssport ist, trainiert niemand allein. Fast alle Übungen werden mit einer Partnerin oder einem Partner durchgeführt. Dabei ist gegenseitiges Vertrauen gefragt: Nur wer aufeinander achtet, kann sicher trainieren. Fairness und Rücksichtnahme gehören deshalb zu den wichtigsten Regeln – genauso wie Disziplin und das Einhalten klarer Absprachen. Teamgeist entsteht hier nicht durch das gemeinsame Gewinnen eines Spiels, sondern durch gegenseitige Unterstützung und Verantwortung füreinander.
Eine Schlüsselrolle spielen die Trainerinnen und Trainer. Sie bringen nicht nur Techniken bei, sondern sind auch Vorbilder. „Gute Trainer schaffen eine Atmosphäre, in der jedes Kind ernst genommen wird, Erfolge erleben kann und sich sicher fühlt“, sagt Körner. Sie fördern nicht den stärksten Kämpfer, sondern die individuelle Entwicklung jedes einzelnen. „Kampftraining muss pädagogisch verantwortungsvoll und reflektiert vermittelt werden“, stellt er klar.
Welche Kampfsportart für welches Kind?
Die Auswahl ist groß: Judo, Karate, Taekwondo, Aikido, Jiu-Jitsu, Ringen oder Kickboxen – fast jede Kampfsportart gibt es heute in altersgerechten Kursen. Für den Einstieg wird häufig Judo empfohlen. „Judo ist super für die Kleinen“, sagt Körner. Die Technik konzentriert sich auf Greifen, Werfen, sicheres Fallen. Vorwiegend findet der Kampf am Boden statt. Möchte ein Kind lieber „abheben“, den coolen Kick in der Luft lernen, dann eignen sich Karate, das Tritte und Schläge trainiert, oder Taekwondo mit viel Bewegung und dynamischen Techniken. „Es gibt auch viele Box-Studios mit hervorragendem pädagogischem Konzept“, erklärt Körner. „Das ist was für Kids, die sich auspowern wollen, denn Boxen ist körperlich total anstrengend“.
Welche Kampfsportart letztlich die richtige ist, hängt vom Kind selbst ab. „Eltern sollten immer die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes berücksichtigen. Alles andere bringt nichts, denn das trägt nicht lange“, sagt er. Lieber erst mal reinschnuppern. „Ein Probetraining ist nahezu überall möglich“, rät er.